Nach den Attentaten von Aschaffenburg und Magdeburg verlangen Politik, Medien und Volk rasche Lösungen, wie Prävention gelingen könnte. Dabei wird der Eindruck erweckt, die Gesellschaft müsste sich der psychisch Kranken erwehren, wodurch die Menschen weggesperrt oder abgeschoben und somit das Problem beseitigt sei. Über den Zusammenhang von psychischen Erkrankungen, Kapitalismus, der Krise im Gesundheitssystem – und was das alles mit Milei zu tun haben könnte, schreibt unser Autor Paul Schuberth.
Alle erfassen!
Mit diesem Vorschlag, vorgebracht Ende Dezember in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, lehnte sich CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann weit aus dem Fenster. Doch schon standen Medien und Gesellschaft bereit, ihn aufzufangen: Zeitungen zitierten meist einen anderen Satz der Sendung, demzufolge nur „psychisch kranke Gewalttäter“ betroffen wären. Und ein Aufschrei, wie er sich für ein Land gehören würde, in dem die massenhafte Ermordung psychisch kranker Menschen in den Jahren ab 1940 auch dank strenger Listenführung möglich war, ein Land, in dem einem Euthanasie-Profiteur wie Julius Hallervorden noch 1962 die Ehrendoktorwürde zuerkannt werden konnte, oder in dem die psychiatrische Fachgesellschaft erst vor fünfzehn Jahren mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte begann, blieb aus. War die Unklarheit der Forderung gar bewusst?
Eine argumentatorische Dissoziation, die beobachtet zu haben man verängstigten psychisch Kranken zur Not als eine für sie ja so typische Wahrnehmungsstörung anlasten könnte? Eher nicht. Im besten Fall handelte es sich um einen typischen Linnemann’schen Versprecher – das, was man als Vorschlag für schlechtere Zeiten im durchaus Bewussten hält, will zu früh ausgesprochen werden –, und der Denkanstoß zielte wirklich „nur“ auf psychisch kranke Gewalttäter. Doch das würde selbst innerhalb der brutalen CDU-Logik keinen Sinn ergeben, da Gewalttäter ohnehin in polizeilichen Datenregistern gespeichert werden, wie der Verein „PolizeiGrün“ feststellte. Wäre es also doch denkbar, dass die CDU schon jetzt Listen von psychisch erkrankten Menschen politisch bewirbt?
Aufmerksame Beobachter wiesen auf ähnliche Erfassungswütereien hin: Die CSU hatte 1987 die Registrierung von HIV-Patient:innen und 2018 im Rahmen eines Gesetzesentwurfes die Datenerfassung von Personen, die zwangsweise untergebracht wurden, gefordert. Und etwas anders gelagert: Im gleichen Jahr wollte die AfD per Kleiner Anfrage von der Bundesregierung wissen, wie sich die Zahl der Menschen mit Behinderungen seit 2012 „durch Heirat innerhalb der Familie“ entwickelt habe.
Überlastete Versorgung
Wie bei nach islamistisch motivierten Anschlägen getätigten Anstrengungen, mehr in Grenzgewalt zu investieren oder Unbeteiligte in Krisengebiete abzuschieben, würde es sich selbstverständlich um eine besonders fiese Scheinlösung der terroristischen Bedrohung handeln. Es handelt sich dabei allerdings jeweils um eine Scheinlösung, die für einzelne Betroffene sehr schnell zu einer ganz realen Bedrohung werden kann.
Eine Nacht-und-Nebelkerze! Auch wenn die CDU offiziell zurückzurudern versucht – was nützt das bei der Wucht solcher rhetorischer Dammbrüche? Der Schaden ist angerichtet. Alleine dass Linnemann nicht mit einem Nazi-Stigma leben wird müssen, ist ein Hinweis darauf, dass eine zusätzliche Stigmatisierung von an psychischen Erkrankungen leidenden Menschen angestoßen wurde. Diese übersetzt sich oft genug in eine Selbststigmatisierung Betroffener; und im konkreten Fall wohl auch in ein Zögern, ob es überhaupt klug ist, sich professionelle Hilfe zu suchen. Dabei stellt die bekannte Schwierigkeit der Suche an sich ohnehin schon oft eine Hürde dar, sich zu dieser zu entschließen.
Auf einen Kassen-Psychotherapieplatz wartet man in Deutschland bekanntlich Monate. Doch selbst die Lage der ambulanten und stationären psychiatrischen Versorgung ist prekär. Wer Cordula Falk vom Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen nicht glauben will – „Monatelange Wartezeiten auf ambulante und stationäre Behandlungen sind inzwischen gelebte Realität und eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht, wird sie von der Augsburger Allgemeinen zitiert –, glaubt zum Beispiel vielleicht dem Ärztlichen Direktor des Bezirkskrankenhauses Augsburg Alkomiet Hasan:
Auch aus Österreich wird von Versorgungslücken, massiven Unterbesetzungen und Betten am Gang auf psychiatrischen Stationen berichtet. Der ORF Vorarlberg zitiert einen Mitarbeiter einer Psychiatriestation:
Selbstverständlich wirkt sich diese Situation auch auf Therapeut:innen, Psychiater:innen und psychiatrische Pflegekräfte aus, die sich immer häufiger überfordert sehen. Eine Umfrage des Zentralinstituts für vertragsärztliche Versorgung unter 41.000 Personen ergab, dass sich 38 % der Psychotherapeut:innen und 71 % der niedergelassenen Psychiater:innen durch ihre Arbeit ausgebrannt fühlen. Zudem stehen die Chancen sehr schlecht, dass bei der Bundestagswahl Parteien gewinnen, die keine Angriffe auf den sogenannten Sozialstaat planen, da andere Parteien mit Erfolgsaussichten nicht antreten. „Mehr Milei wagen“, heißt das etwa bei Christian Lindner, und wer weiß, wie die von Milei angeordnete, plötzliche Schließung des überaus wichtigen großen psychiatrischen Krankenhauses „Laura Bonaparte“ in Buenos Aires nur durch eine spontane Besetzung der Belegschaft verhindert werden konnte, dem wird alleine schon deswegen angst und bange.
Eskalationen
Die zu befürchtende neoliberale Eskalation wird den ideellen Effekt haben, dass sich ihre Kritiker sehr weit mit nach rechts bewegen müssen, um das Ziel ihrer Kritik überhaupt noch in Reichweite zu haben. Kritik, die noch Gehör finden will, wird also auf dem Boden der Vorstellung vom alten, sozial verträglichen Kapitalismus argumentieren. Die letzten standhaften Kritiker hingegen werden vor lauter Wirkungslosigkeit, Scham und Überforderung im Boden der Kapitalismuskritik versinken wollen. Für den konkreten Fall relevant: Es droht dann in Vergessenheit zu geraten, wie die Funktionsweise des Kapitalismus auch die Funktionsweise der Menschen, und damit auch ihre Störungen, mitstrukturiert. Sowie umgekehrt weniger und weniger vergessen werden wird, warum kapitalismusverträgliche Imperative bei der Behandlung psychisch Kranker angeblich alternativlos sind.
Als radikal-kritische Psychologie könnte dann schon die Feststellung fungieren, die zehn Jahre währende Obdachlosigkeit sei der psychischen Gesundheit des Klienten nicht zuträglich gewesen. Und zu den materiellen Effekten der benannten Eskalation wird gehören, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen, gemeinsam mit anderen vulnerablen Gruppen, als eine der ersten zu spüren bekommen werden.
Natürlich weist die Belastung durch seelische Leiden auch einen Klassen-, oder hier sogar genauer: einen Schichtenaspekt auf. Stigmatisierung und Entzug von guter sozialer wie medizinischer Versorgung ergänzen einander. Erstere führt dazu, dass sich weniger Menschen Versorgung in Anspruch zu nehmen trauen, was für Verantwortliche schon ein Hinweis darauf sein kann, Versorgungsangebote guten Gewissens abbauen zu dürfen. Eine Zunahme psychischer Ausnahmesituationen wäre dann keine Überraschung, und würde dem stabilen Hausverstand eine zusätzliche Stigmatisierung als wählbaren Ausweg nahelegen.
Wohin führt das? Es soll hier keine unnötige Alarmstimmung verbreitet werden, aber die Liberalisierung der institutionalisierten Sterbehilfe wird, global betrachtet, immer mehr zur Rute im Fenster von psychisch schwer erkrankten Menschen. In Kanada sollen ab 2027 auch Menschen, die ausschließlich an einer psychischen Erkrankung leiden, Zugang zum MAiD-Programm (Medical Assistance in Dying) erhalten. Bei der kanadischen Ärztin und Kritikerin Ramona Coelho etwa ist nachzulesen, welch systematischer Druck dieses aus dem Ruder laufende Programm schon jetzt auf vulnerable Personen ausübt.
Die Wartezeit auf eine Behandlung durch einen Psychiater kann in Kanada aktuell bis zu fünfmal länger sein als die 90-tägige Wartezeit auf eine tödliche Injektion. „Das bedeutet, dass eine Person (…), während sie auf die Behandlung durch einen Psychiater wartet, an MAiD sterben könnte, lange bevor sie Zugang zu einer angemessenen Behandlung erhält“, heißt es in einem wissenschaftlichen Bericht zum Thema. Institutionalisierte Sterbehilfe: hier die liberal motivierte Fortsetzung von Sozialpolitik mit anderen Mitteln.
Vereinzelung statt Entstigmatisierung
Direkt nach dem Attentat war eines auffällig. Kurze Zeit war über mögliche antimuslimische oder islamistische Motive des Täters spekuliert worden. Doch nach dem ersten Hinweis, es könnte eine psychische Erkrankung vorliegen, schien es den an der Diskussion Beteiligten wie Schuppen von den Augen zu fallen: Er ist halt einfach irr. Ein Irrtum wäre es jedenfalls anzunehmen, das Erleben dieser „Erkenntnis“ könnte nicht sofort an die im allgemeinen Bewusstsein tief verankerte Gleichung von Psychose und Fremdgefährdung anknüpfen. Der Berliner Autor Frédéric Valin merkte zurecht an, dass die Anrufung des Wahns als das Andere, Gefährliche selbst gefährlich sei. Zu diesen Gefahren könnte gehören, wie dadurch wichtige Wahrheiten über diese Gesellschaft verloren gehen. Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind wesentlich häufiger Opfer von Gewalt als Täter. Die deutsche Bundespsychotherapeutenkammer zitiert zum Beispiel eine britische Studie, wonach 19 % der befragten psychisch kranken Menschen gewaltsame Angriffe erlebt haben.
Es stellt sich die Frage, warum – wenn es stimmt, dass die Zahl psychischer Erkrankungen stetig zunimmt und 42,6 % der deutschen Bevölkerung zumindest einmal an einer psychischen Störung erkrankt – Politik sowie reißerische Headlines lancierende Medien mit ihren offensiven Stigmatisierungen durchkommen? Müsste man bei der schieren Anzahl an Betroffenen nicht auf sie als Wähler und Abonnenten Rücksicht nehmen?
Ein anderes Beispiel als Mittel der Antwort: Wenn der Rassismus der Mehrheitsgesellschaft zunimmt, ist eine Stärkung der Solidarität zwischen unterschiedlichen „rassifizierten“ Gruppen auch nicht automatisch zu erwarten. Sind alle besseren Wege versperrt, haben Menschen mit leichter gesellschaftlich integrierbaren psychischen Störungen, ob sie wollen oder nicht, ja sogar ein kurzfristiges „Interesse“ an der Stigmatisierung etwas anders gelagerter Erkrankungen. Wie die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie angibt, wird eine Depression zwar in höherem Maße akzeptiert als 1990, wohingegen Einstellungen zu Personen mit Schizophrenie deutlich weniger von Akzeptanz als zum Vergleichszeitpunkt geprägt sind.
Wie passt das zu dem Eindruck, dass heutzutage so viel wie noch nie sanktionslos offen über mentale Gesundheit gesprochen werden kann? Dieses Sprechen ist bereits vorgeprägt durch etwas, was man eine Verdinglichung der gesamten Angelegenheit zu „mental health issues“ nennen kann. Die Verdinglichung liegt vor allem darin, dass die Vorgaben der öffentlichen Selbst- oder Fremdanalyse meist individualistische und streng ungesellschaftliche sind, und gerade dadurch dem individuellen Fall nicht komplett gerecht werden können.
Auch wer nun mehr als früher vom eigenen Unglück reden darf, bleibt dennoch seines eigenen Glückes Schmied. Was ihm aber nicht viel hilft, solange sich die dazu notwendigen Produktionsmittel wie Schmiedeeisen nicht in allgemeiner Hand befinden. So gesehen können diese Mechanismen nicht zu einer Entstigmatisierung beitragen; sie fördern auch keine Individualisierung, sondern weitere Vereinzelung: Denn das freiere und offene Reden über mental health issues erzeugt auch den Druck, dass in einer Welt, in der diese Freiheit und Offenheit möglich sind, sich nun wirklich jeder selbst helfen können müsste. Doch Menschen werden im Kapitalismus weiter fallen gelassen werden, und wer fällt, hat höhere Chancen, auf dem harten Boden der Irrealität aufzuschlagen.
Wenn anerkannt wird, dass Menschen mit Psychosen noch schwieriger als andere die genannte „Selbstwirksamkeit“ und „Selbsthilfe“ erreichen können – dann nur um zu zeigen, dass sie nicht einmal den Druck wert sind, sich selber mit beeindruckender Eigenleistung aus der Stigmatisierung herausarbeiten zu müssen.
Ineinandergreifen von Widersprüchlichem
Die Gleichzeitigkeit von Backlashes und ambivalenten Forwardlashes – zum Beispiel durch entsprechende Social-Media-Trends – schafft ein Ineinandergreifen von Widersprüchlichem. Von Entstigmatisierung seelischen Leidens und einer weiteren Stigmatisierung schwerer psychischer Erkrankungen, von Trivialisierung und Tabu. Oft ist die Enttabuisierung auch teuer erkauft. Kulturindustrielle Figuren mit Zwangserkrankung, wie der Detektiv Adrian Monk, der Physiker Sheldon Cooper oder die von Jack Nicholson gespielte Hauptfigur im Film „Besser geht’s nicht“ können sich Sympathien beim Zuschauer nur durch ihre besonderen Fähigkeiten erschleichen, da sie als gänzlich unsozial und die Menschen rund um sie mit ihren eigenen Welten belastend dargestellt werden.
Eine ORF-Dokumentation entlastet die Zwangserkrankten, in dem sie sie klar von den „Verrückten“ abgrenzt. Das ist auf eine furchtbare Art ehrlich: Vor allem weniger funktionale Menschen mit Wahnerkrankungen, deren irrealer Wahn dem realen Wahn – dem der Unterwerfung unter die Lohnarbeit und die von ihr angetriebenen Maschinerie – offensichtlich entgegensteht, werden von Entstigmatisierung kaum erfasst werden können. Damit in Zusammenhang steht auch die prominente Rolle von Arbeitstherapien die gesamte Geschichte der modernen Psychiatrie hindurch, wie sie Simon Duckheim unlängst im Magazin „konkret“ (Ausgabe 1/24) beschrieben hat.
Nicht von Interesse?
Hier sollte noch einmal betont werden, dass diese Zeilen keineswegs die Romantisierung der Leben von psychisch Erkrankten zum Ziel hatten. Auch ersetzen gesellschaftstheoretische Spekulationen nicht im Allergeringsten saubere psychiatrische Wissenschaft. Und für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind gut geführte Psychiatrien mit gutem Personalschlüssel unter den gegebenen Bedingungen einer der sichereren Orte – auch als Fluchtort vor dem Othering, das diese teilweise mitbedingen. Am Beispiel des Attentäters jedenfalls zeigen sich die Dimensionen von Stigmatisierung, Trivialisierung und Tabu verdichtet: Als psychisch erkrankter Patient wird er als zu Ideologie nicht fähiger Mensch medial entmündigt; als psychisch erkrankter Psychiater ist er von Sensations- und Erheiterungswert; als Mitarbeiter des Systems Maßregelvollzug aber – dessen Repressionen immer wieder Ziel von humanistischer und linker Kritik sein sollten und es auch sind, siehe das Buch von Ulrich Lewe –, noch dazu als einer, über den regelmäßige Beschwerden vonseiten der zu Behandelnden vorlagen, ist er nicht von Interesse.